Warum wir eine Bafög-Reform brauchen und wie sie aussehen könnte

Warum wir eine Bafög-Reform brauchen und wie sie aussehen könnte
Photo by Wesley Tingey / Unsplash

Stell dir vor, du sitzt mit deinen Eltern am Küchentisch und musst erklären, warum du dich gegen die Ausbildung oder dein Studium entschieden hast. Nicht weil du nicht gut genug wärst. Nicht weil es keinen Bedarf gäbe. Sondern weil das Einkommen deiner Eltern knapp über einer Grenze liegt, die irgendein Beamter irgendwann mal in ein Gesetz geschrieben hat – und du deshalb weder Förderung bekommst noch genug Geld hast, um dir in Kiel, Lübeck oder gar Hamburg ein Leben leisten zu können.

Der Kampf um die Ausbildungsförderung gehört zum Alltag einer ganzen Generation.


Studium: Weniger Studierende erhalten finanzielle Unterstützung des Staates
An deutschen Hochschulen greifen weniger Studierende auf finanzielle Hilfe zurück. Immer häufiger wird das Studium dagegen selbst finanziert oder nebenbei gearbeitet.

Die Mittelschichtfalle – wenn das System sich selbst im Weg steht

Das BAföG ist eine gute Idee. Aber gute Ideen altern schlecht, wenn man sie nicht pflegt.

Das aktuelle System basiert auf einem Paradox: Wer wenig verdient, bekommt Förderung. Wer viel verdient, braucht sie nicht. Aber dazwischen – in der breiten Mitte – fallen Tausende von jungen Menschen durch ein Raster, das für ihre Realität schlicht nicht gemacht wurde. Die Mieten sind gestiegen. Die Lebenshaltungskosten sind gestiegen. Die Freibeträge? Die hinken hinterher.

Das Ergebnis ist ein System, das nicht fragt: „Was brauchst du, um erfolgreich zu sein?" Es fragt: „Was verdienen deine Eltern?" Und wenn die Antwort lautet „zu viel für BAföG, aber zu wenig für alles andere", dann lautet die Antwort des Systems: Pech gehabt.

Bildungsentscheidungen werden so nicht nach Neigung oder Marktbedarf getroffen – sondern nach finanzieller Machbarkeit. Das ist keine Bildungspolitik. Das ist Selektion mit bürokratischen Mitteln.

Es ist fatal, wenn man sich ein Studium buchstäblich leisten können muss...


Was ein Systemwechsel bedeuten würde

Es gibt eine Alternative. Und die ist einfacher, als sie klingt: Förderung nicht abhängig machen vom Elterneinkommen, sondern vom Status. Wer eine anerkannte Erstausbildung beginnt – dual, akademisch, Handwerk, Pflege – bekommt eine Grundsicherung. Punkt. Kein Antrag, der monatelang liegt. Kein Nachweis, der Scham erzeugt. Kein Sachbearbeiter, der entscheidet, ob deine Familie „wirklich" bedürftig ist.
Angemessen wäre hier ihnehin ein System, welches nicht die Familie, sondern das Individuelle interesse des Menschen in den Mittelpunkt stellt. Ist ja schön, dass deine Familie genug Geld auf der hohen Kante hat um dein Studium zu finanzieren, nur blöd wenn sie sich weigern, weil sie lieber wollen, das du BWL anstatt Kunst studierst...

Warum lässt sich der Staat in Zeiten des Fachkräftemangels so etwas gefallen?
Weil es eine "linke" Idee ist, dass der Staat die Ausbildung seiner Bürger finanziert?
Was klingt wie ein radikaler Bruch mit dem gegenwärtigen System, ist in seiner Logik eigentlich konservativ: Wer in Ausbildung investiert, investiert in den Standort. In Fachkräfte. In Steuereinnahmen. In soziale Stabilität. Die Humankapitaltheorie beschreibt diesen Zusammenhang schon seit den 1960ern. Vielleicht wäre es mal an der Zeit die Lehren der letzten Jahrzehnte anzuwenden...


Bürokratie ist auch eine Form von Ungerechtigkeit

Wer schon einmal einen BAföG-Antrag ausgefüllt hat, weiß: Das System ist kein Versehen. Es ist ein Selektionsmechanismus. Jeder zusätzliche Nachweis, jedes zusätzliche Formular, jede Wartezeit filtert Menschen heraus – nicht nach Würdigkeit, sondern nach Durchhaltevermögen und Informationszugang.

Würde man das Anrecht auf BAföG, direkt an den Schulabschluss koppeln, würde man gleich mehrere FLiegen mit einer Klappe schalgen.
Die Verwaltung bräuchte keine Einzelfallprüfungen mehr Vornehmen, man könnte schon Jahre im Vorraus anhand der Schüler:innzahlen errechnen, wie viel Geld gebraucht wird und man würde finanzielle chancengleichehit schaffen.

Dass es sich bei dieser Idee nicht um ein reines Luftschloss handelt, zeigen Beispiele wie Estland. Eine solche Regelung würde auch dem Once-Only-Prinzip der EU entsprechen.

Wir jammern ja in Deutschland immer rum, dass es zu viel Bürokratie gäbe. So könnte man sie reduzieren.


Was jetzt fehlt, ist kein Geld – es ist politischer Wille

Natürlich kostet das etwas. Ein Konzept für Schleswig-Holstein hat das durchgerechnet: Rund 700 Millionen Euro im Vollausbau – knapp 4 % des Landeshaushalts. Das ist nicht nichts. Aber es ist auch kein Luxus. Es ist eine Investition in genau die Menschen, die in zehn Jahren die Pflegekräfte, Handwerker und Ingenieure stellen sollen, die wir schon heute händeringend suchen. Und wenn schon die Bundeswehr einen Blanko Check ausgestellt bekommt, warum dann ncith auch die Bildung? - Immerhin schöpft bedient sich doch die Bundeswehr auch an den Menschen, die sich 12 Jahre durch das System schule durch gequält haben...

Wer sagt, das sei nicht finanzierbar, soll erklären, was er stattdessen plant. Noch ein Fachkräftegipfel? Noch eine Kultusministerkonferenz? Noch ein Digitalpaket in MIlliardenhöhe von dem dann nur 5% abgerufen werden?


Das Thema ist größer als ein einzelnes Bundesland, und es ist noch längst nicht zu Ende gedacht. Wer tiefer einsteigen möchte – in die Kalkulation, die konzeptionellen Säulen und das konkrete Pilotmodell für Schleswig-Holstein – findet im Anhang ein ausgearbeitetes Konzept, das im Rahmen einer Ideenkonferenz entstanden ist.

Es lohnt sich, es zu lesen. Weil es die richtigen Fragen stellt.