Treffen sich zwei Linke, bilden sich drei Splittergruppen.
Was wir aus unseren Fehlern lernen sollten, bevor es zu spät ist.
Kommt euch das bekannt vor? Es handelt sich um einen politischen Treppenwitz, den mein Vater benutzte um ein Phänomen zu beschreiben, das sich wie ein roter Faden durch die Geschichte linker Bestrebungen zieht. Die Ideen sind groß, die Ideale noch größer. Und doch: Sobald es an die Zusammenarbeit geht, ist Schluss mit Love, Peace & Harmony.
Viele Projekte linksgrüner Couleur sind gescheitert — nicht vornehmlich an äußeren Widerständen, sondern an sich selbst. Die Spaltung der Linkspartei, der ein Jahrzehnt innerer Grabenkämpfe vorausging. Fridays for Future, das 2022 plötzlich mehr über die Dreadlocks einer Künstlerin debattierte als über das Klima.
Diese beiden Fälle haben erstmal wenig miteinander zu tun — aber sie stehen exemplarisch für dasselbe Problem. Sie zeigen wie viel Momentum und Rückhalt eine Initiative verliert, wenn sie aufhört, Probleme zu adressieren, und beginnt, sich um die eigene Achse zu drehen.
Mir zumindest schlägt es auf's Gemüt, das wieder und wieder mitzuerleben. Ich finde es Anstrengend zu sehen, wie viel Energie und Eifer bisweilen in den Disput mit den eigenen Lanzleuten gesteckt wird.
Natürlich ist mir auch klar, dass Vielfalt Reibung bedeutet. Eine Partei, ein Verein, eine Organisation sind keine homogene Masse. Ich finde selbst, dass eine offene, progressive Bewegung, die sich Gerechtigkeit auf die Fahne schreibt, den Diskurs mit sich selbst nicht scheuen darf.
Aber wenn Selbstkritik zum Hauptprogramm wird und Streit über die eigenen Prinzipien der einzige Punkt auf der Tagesordnung ist, überlässt man dem politischen Gegner das Feld. Man vergrault die eigenen Mitstreiter:innen. Und wird — als bittere Konsequenz — rechts überholt.
Rechte können sich ohne mit der Wimper zu zucken hinter einem gemeinsamen Feindbild versammeln. Wie man bei der AfD, der Maga-Bewegung oder anderen ähnlich ausgerichteten bestrebungen Weltweit ja gut erkennen kann. Einfache „Lösungen" für komplexe Probleme — während die globale Linke in einer ideologischen Midlife-Crisis versinkt und es nicht schafft ein verbindendes Narrativ zu finden.
Ich persönliche finde es ausgesprochen bedenklich, dass es uns linken so schwer fällt an einem Strang zu ziehen, denn ohne die möglichkeit zusammen zu arbeiten, werden wir nicht gegen so einen Gegner ankommen.
Wie kam es dazu — und was nun?
Ich glaube wir waren nicht mutig Genug die großen Probleme zu adressieren und in Visionen zu denken. Das endlose Austarieren von Identitäten, Positionen und Ansprüchen im progressiven Lager hatte einen ungewollten Nebeneffekt.
In Debatten wirkte man kleinkariert und wenig lösungsorientiert.
Denn statt über das Wie stritt man über das Wer.
Überspitzt gesagt: Der Fokus auf das Individuum, Identitäten, Moral, ließ zwar intellektuelle Berliner-Altbau-Bewohner aufhorchen, hat aber für die alltäglichen Probleme außerhalb der eigenen Klientel nur selten Identifikationspunkte angeboten.
Die Außenwirkung — und ich glaube, das müssen wir uns ehrlich eingestehen — war verheerend: „72 Geschlechter, aber keine Antwort auf steigende Spritpreise."
Natürlich übertreibe ich an dieser Stelle...
Das Learing:
Dass eine progressive Linke Machtverhältnisse, Sprache und Geschichte nicht kleinredet oder der internen Hegemonie opfert halte ich für eine echte Stärke.
Für interne Diskurse und Selbstfindung muss Platz sein.
Aber: Man muss die Muße haben, die Leute da abzuholen wo sie sind.
WIR wissen, warum der "Woke-Shit" wichtig ist. Aber WIR haben uns auch Jahre lang damit beschäftigt.
Was ich für einen Trugschluss halte: Zu glauben, positive politische Veränderung könne nur mit den „richtigen" Menschen oder der „richtigen" Sprache erkämpft werden.
Zusammen sind wir stärker als allein. Das ist eine Lektion, die wir linken Zecken, grünen Gutmenschen und Social Justice Warriors offenbar immer noch lernen müssen — denn unser Gegner weiß es bereits. Und führt uns jeden Tag aufs Neue vor.
Eine Aufforderung zur Handlung
Aktivismus ist ≠ Politik. Sie kollidieren mitunter sogar. Der Aktivismus kann fordern, die Politik muss liefern. Wer nach vier Jahren im Amt noch eine weiße Weste hat, betreibt wahrscheinlich Arbeitszeitbetrug.
Ein Beispiel: Es ist verständlich und richtig, die Grünen und Robert Habeck in der Zeit der Ampel für ihre Entscheidungen zu Kritisieren. Gleichzeitig mussten sie auch Handlungsfähigkeit in der Kriese bewahren und mit der FDP regieren.
Ich glaube: Werte und Moral muss man hochhalten — aber sie dürfen einen nicht kompromissunfähig machen. Wer regieren will, muss sich die Hände schmutzig machen dürfen. Sonst ist man den Problemen der Realität ohnmächtig ausgeliefert — und überlässt das Feld denen, die keinerlei Gewissen kennen.
Am Fall Habecks lässt sich zudem ein weiteres Phänomen beobachten. Wir tendieren dazu gute Leute erst über den Klee zu loben und dann aus dem Amt zu Ekeln, sobald wir sehen, dass doch Spähne fallen, wo gehobelt wird.

Und noch eine Warnung — diesmal an alle Konservativen, die sich vielleicht bisher entspannt zurückgelehnt haben. Die Kritik und Aufforderung zur Zusammenarbeit geht auch an euch. Schließlich teilt man im bürgerlichem Milleu ebenso gerne gegen die Linken aus, wie sie sich gegenseitig an den Kragen gehen.
Zu versuchen daraus Kapital zu Schlagen ist zimlich kurzsichtig, denn ihr werdet die linken Spinner zukünftig noch brauchen.
Der klassische Politikbetrieb, an dessen konfliktscheue Gleichförmigkeit sich der Westen nach der Wende gewöhnt hat, ist passé. Antidemokraten bestimmen den Diskurs. Einzelne Individuen verfügen über Kapital, um ganze Länder zu kaufen. Der Status quo, an dem alle so hängen, ist spätestens seit der ersten Wahl von Donald Trump 2016 tot und begraben.
Auch euch sollte spätestens seit der letzten Wahlumfrage dämmern, das hier ein bisschen mehr auf dem Spiel steht als das heiß geliebte Schweineschnitzel.
Man kann sich in der Demokratie seine Mitstreiter nicht immer aussuchen.
Wer das nicht versteht, gräbt ihr ein Grab.
„Alone we can do so little; together we can do so much." — Helen Keller