Jungs, seid ihr ok?
Ein paar Gedanken zum Thema Männlichkeit - von einem Betroffenen.
Ich bin ein Mann der Generation Z. Angehöriger einer Kohorte, die laut Statistiken wieder konservativer wird, sich zunehmend in traditionellen Rollenbildern wohlfühlt — und die Personen wie Andrew Tate oder Phänomene wie Gamergate populär gemacht hat.
Hier ist ein Shower Thought von mir.

Zwischen Lichtschwert und Leere: Warum wir Helden brauchen
Man frage sich zurecht, was hat Star Wars mit Andrew Tate, Collien Fernandes oder Jugendgewalt wie in der Serie Adolescence zu tun?
Alles und nichts! - Lasst es mich erklären.
Obi-Wan Kenobi — einer der größten Jedi-Meister der Galaxis, ein Mann, der Darth Maul besiegt, Anakin Skywalker ausgebildet, das Imperium überlebt hat — sitzt in einer Höhle und tut nichts. Er kämpft nicht. Er meditiert nicht. Er wartet. Auf was genau, bleibt unklar, denn auch mit sich selbst scheint er sich nicht zu beschäftigen.
Der namensgebende Held, seiner eigenen Serie bleibt über den gesamten Zeitraum hinweg passiv.
Was hier gezeigt wird ist kein dramatisches Tief als Vorstufe zur Läuterung. Das ist Resignation, Frust und Enttäuschung als Charakterkonzept. Und darin steckt ein Problem, das weit über Star Wars hinausgeht.

Das Vakuum, das niemand füllen wollte
Nehmen wir kurz Abstand von Star Wars. Schauen wir uns an, wie sich unsere Populärkultur in den letzten Jahrzehnten im Bezug auf männliche Rollenbilder verändert hat.
Sofort fällt auf: Das alte Bild des unfehlbaren, harten, emotionslosen Kerls wurde als Lüge entlarvt. Der Actionheld der 80er wurde in Rente geschickt. Es gibt keine Rockys, keine Terminator, keine Rambos mehr.
Zu Recht. Dieser Archetyp hat Generationen von Männern gelehrt, Schmerz zu verstecken, Hilfe abzulehnen und Verletzlichkeit als Niederlage zu begreifen. Seine Dekonstruktion war überfällig.

Gesellschaft, Kulturindustrie und die großen Studios haben das alte Rollenbild abgerissen. Was retrospektiv in weiten Teilen versäumt wurde, war einen Bauplan für ein besseres Rollenbild bereitzustellen. Eine ganze generation junger Männer, mich eingeschlossen, betrat zu beginn der Pubertät ein leeres Baugrundstück und wusste einfach nicht was nun passieren sollte.
Die Frage, die im Raum stand: Wie soll ein Mann sein?
Die Antwort, die das Kino, das Serienfernsehen und weite Teile der Gesellschaft mehrheitlich geliefert haben, lautet: Wir wissen es nicht, sei einfach nicht toxisch und jetzt finde am besten selber raus, was das bedeuten soll.
An der Stelle sollte man vielleicht auch die damalige Situation berücksichtigen. Es war die Zeit der 2000er und 2010er. Es war die Zeit der Enthüllungen um Jeffrey Epstein und Skandale wie der MeToo-Bewegung, das hatte einen gewissen impact auf den Zeitgeist und man sollte sich damit auseinandersetzen.
Das Thema würde allerdings hier den Rahmen sprengen und verdient seinen eigenen Beitrag.
Ich bitte daher um Verzeihung für diese dramaturgische Verdichtung.
Unterstelle nie Böse Absicht, wenn es sich auch anders erklären lässt
Bevor das Missverständnis entsteht: Das Problem ist nicht Diversität. Das Problem ist nicht Feminismus. Es gibt keine große "Woke"-Verschwörung.
Dass Frauen, oder andere marginalisierte Gruppen jetzt prominentere Rollen besetzen ist ein wichtiger und richtiger Schritt. Was wäre Alien ohne Sigourney Weavers Ripley, was wäre Terminator 2 ohne Linda Hamiltons Sarah Connor?
Das Problem sind nicht Frauen, Schwule, Transpersonen oder Menschen mit mehr Eumelanin in der Basalschicht der Epidermis.
Das Problem ist viel Simpler: Schlechtes Handwerk.
Was die großen Studios — Disney, Marvel, die Algorithmus-getriebene Streaming-Maschinerie — in den letzten Jahren systematisch betrieben haben, ist die Verwendung von Symbolen ohne wirklichen Inhalt dahinter.
Ein Charakter ist divers? Gut! Haken dran, nächste Szene.
Eine Protagonistin muss Tuff sein? Alles klar! Sie darf KEINE schwächen haben.
Ein ikonischer Held kehrt zurück? Lass ihn resigniert auf sein altes Leben zurückblicken. Das ist tiefgründig!
Es wird einem Substanz vorgegaukelt, die es oft nicht gibt. Es wirkt wie ein Drehbuch, das ein Komitee geschrieben hat, nachdem ein Algorithmus die einfachsten und unverfänglichsten Themen, Plots und Charaktere ausgewertet hat.
Studios mögen keine Veränderung und vor allem keine Konflikte.
Aber Stillstand ist langweilig. Eine Geschichte ohne Charaktere mit Problemen, Konflikten und Fehlern ist leblos. Was macht diese Person mit ihrer Niederlage? Wie steht sie nach ihrem Scheitern wieder auf?
Ohne eine Reise, hat man am Ende der Heldenreise auch keinen Held...
Das ist keine Ideologie sondern simple Dramaturgie, die man in jedem Autorenseminar an der VHS lernen kann. Und genau hier versagen die großen Produktionen reihenweise.
Ein Beispiel:

Luke Skywalker, der in The Last Jedi seinen Neffen fast tötet und sich danach auf einer Insel verkriecht — das könnte ein kraftvoller Ausgangspunkt sein. Ein Mann, der das Schlimmste über sich selbst herausgefunden hat. Wenn die Geschichte ihm dann zeigen würde, wie er damit umgeht, was er daraus lernt, wie er wieder zum Handeln findet, oder vielleicht sogar das Monster wird — das wäre eine Reise. Stattdessen stirbt er erschöpf und allein, so wie er den Film begonnen hat. Botschaft an das Publikum: Große Männer scheitern und dann verschwinden sie und hinterlassen nichts.
Das ist keine philosophische Dekonstruktion eines alternden Helden, um sich mit seinen Fehlern auseinander zu setzen, das ist Destruktion.
Beides ist phonetisch nah beieinander, inhaltlich liegen allerdings Welten dazwischen.
Ein gutes Vorbild braucht Agency.
(Agency – also die Fähigkeit, durch eigenes Handeln Einfluss auf das Schicksal zu nehmen)
Ein mögliches Gegenbeispiel:
Tony Stark ist kein unfehlbarer Held. Er ist ein narzisstischer Waffenhändler, der jahrelang von Krieg und Zerstörung profitiert hat, ohne darüber nachzudenken. Er wird entführt, fast getötet — und entscheidet sich, etwas zu ändern.
Nicht weil der Plot es gerne so will, sondern Weil er dazu gezwungen wird sich mit den Konsequenzen seiner eigenen Handlung auseinander zu setzen. Weil er seine eigene Mitschuld erkennt und Verantwortung übernimmt.

Das ist eine Form von Integrität, die man heute selten sieht — vor allem jenseits der Kinoleinwand...
Ein etwas weniger dramatisches Beispiel:
Stephen Kings Protagonisten funktionieren nach demselben Prinzip, nur schmutziger und nahbarer. Weniger episch. Bill Denbrough zieht seine Freunde mit in den Kampf, weil er seinen Bruder vermisst. Jack Torrance ist ein Alkoholiker, schon bevor ihn die Geister heimsuchen. Louis Creed liebt seine Familie und trifft trotzdem katastrophale Entscheidungen. Sie sind fehlbar bis ins Mark — und genau deshalb kann man sich mit ihnen identifizieren.
Die Frage ist nie, ob diese Männer scheitern. Die Frage ist, was sie mit ihrem Scheitern anfangen. Ob sie sich ihren inneren Dämonen stellen oder von ihnen verschluckt werden.
Einordnung:
Sollte man sich übhaupt Vorbilder aus Filmen und Büchern suchen?
Vermutlich nicht.
Tut man es trotzdem?
Wahrscheinlich mehr als man selber denkt.
Glaube ich dass die hier genannten Beispiele gute Vorbilder sind?
Um ehrlich zu sein, ich weiß es nicht.
Aber jeder der hier genannten Charaktere kann uns, über den Verlauf der Handlung hinweg, etwas über Männlichkeit beibringen.
Du hast Fehler gemacht, du wirst auch weiter Fehler machen. Schau nicht weg, entschuldige dich und dann steh auf und versuch es besser zu machen.
Es ist ein Kampf mit den inneren Dämonen.
Ich finde, es braucht wieder mehr Mut und das handwerkliche Können, solche Geschichten zu erzählen.
Es braucht sie nicht nur auf der Leinwand sondern vor allem im kleinen Kreis. Es braucht Väter, Großväter, Arbeitskollegen, Freunde, sogar Chefs, Mathelehrer und Trainer im Sportverein.
Jungs, vielleicht sollten wir anfangen über die Scheiße zu reden wegen der wir nicht schlafen können...

Der Markt hat mal wieder geregelt, leider...
Wenn das Kino keine Mentoren-Figuren und die Gesellschaft keine Vorbilder mehr liefert, die zeigen, wie man mit inneren Dämonen umgeht, ohne sich selbst oder anderen zu schaden, dann füllt etwas anderes diesen Platz.
Vor allem, wenn es sich monetarisieren lässt...
Wo ein Bedarf ist, entsteht auch ein Angebot. Das Vakuum der Populärkultur und das betretene Schweigen der Gesellschaft haben sich neue Akteure als Markt erschlossen. Online-Subkulturen, die jungen Männern eine Geschichte anbieten. Eine die Verführerisch klar und einfach ist. Sie lautet ungefähr so: Du leidest, weil die anderen dir etwas weggenommen haben. Die Frauen. Die Elite. Die Medien. Der Feminismus.
Oder: Die Linken, die Grünen, die Ausländer, die Bürgergeldempfänger.
(Der eine oder andere erkennt hier vielleicht ein Muster...)
Man Stilisiert die eigene Unsicherheit zum Merkmal der Unabhängigkeit, glorifiziert das Gefühl anders zu sein. Man konstruiert sich eine Identität, die vor allem eines ist: Dagegen!
Diese Botschaft verfängt, weil sie die Verunsicherung von Männern ernst nimmt. Gesellschaftliche Umbrüche, wie wir sie in den letzten zwanzig Jahren erlebt haben, erzeugen reale Verunsicherung — und diese Verunsicherung verdient es, ernst genommen zu werden.
Wichtig: Die Ursache des Problems ernst zu nehmen bedeutet nicht die Symptome zu entschuldigen. Denn hier liegt der eigentliche Widerspruch.
Die propagierte Lösung, sich in eine permanente Trotz-und-Dagegen-Position zu begeben ist doch vor allem eines: unmänlich.
Verweigert man sich so nicht jeder Möglichkeit der Selbstentfaltung und des Mitgestaltens?
Eine Opferidentität, in der alle anderen das Problem sind und die einzige Lösung darin besteht, auf jene draufzuhauen, die noch ein kleines bisschen schwächer sind als man selbst, ist vor allem eines: die Weigerung, erwachsen zu werden.
Die Hoffnung liegt paradoxerweise im Scheitern.
Zugegeben das klingt alles extrem düster. Aber vielleicht muss es erstmal schlimmer werden, bevor es besser wird. Was wir grade sehen sind vielleicht nur Symptome eines dysfunktionalen Systems, das vor seinem Ende nochmal um sich schlägt. Ich glaube das Problem vieler Männer, nicht nur junger, ist eigentlich das gleiche wie überall in der Gesellschaft. Viele Veränderungen in kurzer Zeit gepaart mit hohen Erwartungen treffen auf steigende perspektivlosigkeit.
Ich glauben, dass die schweigende Mehrheit — egal welchen Geschlechts — das Problem nicht nur verstanden hat, sondern die Lösung bereits von vielen gelebt wird. Man bekommt nur wenig davon mit, man sieht ja immer nur wo es halt eben nicht funktioniert.
Auch die Andrew Tates dieser Welt finden nicht im luftlehren Raum Statt. Zu jedem L-Take finden sich mindestens 10 Gegendarstellungen und Einordnungen, viele davon auch von Männern.
Noch eine kleine Idee zum Abschluss:
Und was die Popkulturelle Debatte angeht, auch hier scheint sich ja was zu tun. Sinkende Kinobesucherzahlen, Stagnierende Streaming-Abonnements oder ein Millionen-Flop nach dem anderen — sind vielleicht eine nötige Marktkorrektur.
Das New Hollywood der 70er entstand aus der Asche der alten Studio-Hierarchien.
Filme wie Star Wars oder Alien wären niemals möglich gewesen ohne die kulturelle neuverhandlung des Status Quo in den 60er Jahren. Das steht uns entweder noch bevor, oder wir sind bereits mitten drin.
Ähnlich wird es wohl auch mit dem Männerbild der Gen Z sein.
Es wird eine Zeit nach Andrew Tate geben.
Die Spannende Frage ist: Jungs, und alle dazwischen und außerhalb, wie solls weitergehen?
Ich hatte noch keine Lust Mailgun für die Kommentarfunktion einzurichten... xD
Vielleicht mache ich ein Video, wo ich eure Antworten vorlese.





