Warum wir eine Bafög-Reform brauchen und wie sie aussehen könnte

Warum wir eine Bafög-Reform brauchen und wie sie aussehen könnte
Photo by Wesley Tingey / Unsplash

Stell dir vor, du sitzt mit deinen Eltern am Küchentisch und musst erklären, warum du dich gegen die Ausbildung entschieden hast, die du eigentlich wolltest. Nicht weil du nicht gut genug wärst. Nicht weil es keinen Bedarf gäbe. Sondern weil das Einkommen deiner Eltern knapp über einer Grenze liegt, die irgendein Beamter irgendwann mal in ein Gesetz geschrieben hat – und du deshalb weder Förderung bekommst noch genug Geld hast, um dir in Kiel oder Lübeck ein Leben leisten zu können.

Der Kampf um die Ausbildungsförderung gehört zum Alltag einer ganzen Generation.


Die Mittelschichtfalle – wenn das System sich selbst im Weg steht

Das BAföG ist eine gute Idee. Aber gute Ideen altern schlecht, wenn man sie nicht pflegt.

Das aktuelle System basiert auf einem Paradox: Wer wenig verdient, bekommt Förderung. Wer viel verdient, braucht sie nicht. Aber dazwischen – in der breiten, wachsenden Mitte – klaffen Tausende von jungen Menschen durch ein Raster, das für ihre Realität schlicht nicht gemacht wurde. Die Mieten sind gestiegen. Die Lebenshaltungskosten sind gestiegen. Die Freibeträge? Die hinken hinterher.

Das Ergebnis ist ein System, das nicht fragt: „Was brauchst du, um erfolgreich zu sein?" Es fragt: „Was verdienen deine Eltern?" Und wenn die Antwort lautet „zu viel für BAföG, aber zu wenig für alles andere", dann lautet die Antwort des Systems: Pech gehabt.

Bildungsentscheidungen werden so nicht nach Neigung oder Marktbedarf getroffen – sondern nach kurzfristiger finanzieller Machbarkeit. Das ist keine Bildungspolitik. Das ist Selektion mit bürokratischen Mitteln.


Was ein Systemwechsel bedeuten würde

Es gibt eine Alternative. Und die ist einfacher, als sie klingt: Förderung nicht abhängig machen vom Elterneinkommen, sondern vom Status. Wer eine anerkannte Erstausbildung beginnt – dual, akademisch, Handwerk, Pflege – bekommt eine Grundsicherung. Punkt. Kein Antrag, der monatelang liegt. Kein Nachweis, der Scham erzeugt. Kein Sachbearbeiter, der entscheidet, ob deine Familie „wirklich" bedürftig ist.

Was klingt wie ein radikaler Bruch, ist in seiner Logik eigentlich konservativ: Wer in Ausbildung investiert, investiert in den Standort. In Fachkräfte. In Steuereinnahmen. In soziale Stabilität. Die Humankapitaltheorie sagt das seit den 1960ern – wir wenden sie nur noch nicht konsequent an.

Schleswig-Holstein etwa hat ein konkretes Problem: Bis 2030 droht eine Fachkräftelücke von bis zu 30.000 qualifizierten Arbeitskräften. Junge Menschen wandern in Metropolen ab, weil die Finanzierung einer Ausbildung im Flächenland zu unsicher ist. Eine einkommensunabhängige Förderung wäre kein Sozialprojekt – sie wäre ein wirtschaftspolitisches Instrument.


Bürokratie ist auch eine Form von Ungerechtigkeit

Wer schon einmal einen BAföG-Antrag ausgefüllt hat, weiß: Das System ist kein Versehen. Es ist ein Abschreckungssystem. Jeder zusätzliche Nachweis, jedes zusätzliche Formular, jede Wartezeit filtert Menschen heraus – nicht nach Würdigkeit, sondern nach Durchhaltevermögen und Informationszugang.

Ein modernes Modell würde das umkehren. Nicht die Bürger:innen schleppen Nachweise zum Staat, sondern der Staat weiß bereits, wer anspruchsberechtigt ist – und zahlt. Estland macht das vor. Das Once-Only-Prinzip der EU schreibt es eigentlich vor. Deutschland baut derweil noch Formulare.


Was jetzt fehlt, ist kein Geld – es ist politischer Wille

Natürlich kostet das etwas. Ein Konzept für Schleswig-Holstein hat das durchgerechnet: Rund 700 Millionen Euro im Vollausbau – knapp 4 % des Landeshaushalts. Das ist nicht nichts. Aber es ist auch kein Luxus. Es ist eine Investition in genau die Menschen, die in zehn Jahren die Pflegekräfte, Handwerker und Ingenieure stellen sollen, die wir schon heute händeringend suchen.

Wer sagt, das sei nicht finanzierbar, soll erklären, was er stattdessen plant. Noch ein Fachkräftegipfel? Noch eine Studie über die Studie?


Das Thema ist größer als ein einzelnes Bundesland, und es ist noch längst nicht zu Ende gedacht. Wer tiefer einsteigen möchte – in die Kalkulation, die konzeptionellen Säulen und das konkrete Pilotmodell für Schleswig-Holstein – findet im Anhang ein ausgearbeitetes Konzept, das im Rahmen einer Ideenkonferenz entstanden ist.

Es lohnt sich, es zu lesen. Nicht, weil es alle Antworten hat. Sondern weil es die richtigen Fragen stellt.